Vagheit und Unbestimmtheit im Recht

 

Unscharfe Grenzen und kontinuierliche Übergänge sind in der Natur allgegenwärtige Phänomene. Die Geographie unterscheidet Klimazonen, die Biologie Entwicklungsstadien, die Medizin normalen von zu hohem Blutdruck, doch jeder Wissenschaftler räumt auf Nachfrage schnell ein, dass diese Grenzen jeweils fließend sind. Das sprachphilosophische Pendant zum Problem der unscharfen Grenzen ist das Problem der semantischen Vagheit, also der unscharfen Begriffsumfänge. Das VW-Projekt wird philosophische, rechtswissenschaftliche und linguistische Expertise zur Ontologie, Epistemologie und Semantik von Unschärfe- und Unbestimmtheitsphänomenen versammeln.

 

Das Recht bildet gewissermaßen den Flaschenhals, den alle gesellschaftlich relevanten Abgrenzungsfragen früher oder später passieren müssen. Die Rechtssprechung hat es täglich mit dem Problem zu tun, einen Gesetzestext, der einen generischen Sachverhalt formuliert, auf einen singulären Fall anzuwenden, um zu überprüfen, ob die Tatbestandsmerkmale erfüllt sind. Semantische und ontologische Vagheit bilden unter dem Titel "Unbestimmtheit des Rechts" ein zentrales Methodenproblem der Rechtswissenschaft. Dieses Problem wird aber dort bislang allein als semantisches oder hermeneutisches und ohne Bezug zur weiteren philosophischen Grundlagendiskussion behandelt. Dem Projekt liegt die Vermutung zugrunde, dass den Unschärfephänomenen in den verschiedenen Anwendungsfeldern gemeinsame theoretische Schwierigkeiten zugrunde liegen, die gerade das Verhältnis von Semantik und Ontologie betreffen und besonders in ihren rechtlichen Implikationen noch nicht hinreichend rekonstruiert sind.

Das Forschungsprojekt hat das theoretische Ziel, Vagheits- und Unschärfephänomene in verschiedenen Feldern zu identifizieren, zu systematisieren und sie durch das Herausarbeiten gemeinsamer Strukturen und Probleme theoretisch aufzuklären. Es hat darüber hinaus das praktische Ziel, Verfahren des vernünftigen Umgangs mit unscharfen Grenzen zu entwickeln und umzusetzen. Dabei müssen unvernünftige Arten des Umgangs mit unscharfen Grenzen kritisiert werden, lebensweltlich und wissenschaftlich schon etablierte Verfahrensrationalität muss identifiziert und theoretisch rekonstruiert werden.

Das Teilprojekt "Vagheit und Unbestimmtheit" umfasst das Promotionsprojekt "Unschärfen im Recht und europäische Richtlinien" ,dass aus den Disziplinen Rechtswissenschaft und Philosophie besteht.